Bluffen ist eine unglaubliche sexy Pokeraktion. Wenn es nicht gerade dumm ausgeführt wird, ist es eine wagemutige und spannende Angelegenheit. Abgesehen von dem Adrenalinstoß, den man verspürt, wenn man etwas Wichtiges gewinnt, weckt Bluffen mehr als jede andere Aktion (vor allem Dinge wie das Aussteigen oder Mitgehen) die Lebensgeister. Bluffen ist jedoch nicht so einfach und man sollte sich die Situation dafür sorgfältig aussuchen. Ein kluger Bluff sollte eine Mischung aus Verrücktheit, Wagemut und einem kleinen bisschen Berechnung sein. Wenn du ein schwaches Blatt hältst, gibt es bestimmte Möglichkeiten, einen Bluff vorzubereiten und damit durchzukommen. Es hat bereits unendlich viele Situationen im Poker gegeben, in denen ein Bluff unglaublich schlecht ausgegangen ist, doch ab und zu wird ein Meisterstück vollbracht, ein so süß gespielter Bluff, den man auf eine Stufe mit Meisterwerken wie Michelangelos David oder Da Vincis Mona Lisa stellen könnte.
Eine solche Meisterleistung – und wahrscheinlich einer der wunderbarsten Bluffs überhaupt – gelang Scotty Nguyen gegen Humberto Brenes. Sein Bluffen war derart unverschämt, dass es beim Zuschauen vor dem Fernseher regelrecht wehtat. Nguyen hatte eine 8 und eine 3 ungleicher Farbe, während Brenes eine 10 und ein Ass hielt. Nguyen startete seinen Bluff vor dem Flop – bei der Entscheidung für einen Bluff die perfekte Wahl. Nguyen erhöhte den Blind auf 21.000, was Brenes erhöhte. In dieser Situation wäre jeder intelligente Pokerspieler ausgestiegen, doch Nguyen – sozusagen in dem Moment einer Eingebung oder einfach nur kompletter Verrücktheit – erhöhte ebenfalls und legte Chips in Höhe von 100.000 hin.
Okay, die wichtigste Regel des Bluffens besagt, dass wenn man einen Bluff spielt, dabei selbstbewusst sein sollte und seinen Gegner glauben lassen muss, dass man zwei Asse im Ärmel hat. Auch sollte man nie gegen mehr als einen Spieler bluffen, das wäre wirklich dümmer als dumm. Um auf das Blatt von Nguyen zurückzukommen: wenn er lediglich mit dem Re-Raise von Brenes mitgegangen wäre und auf den Flop gewartet hätte, dann hätte es seinen Bluff beendet, bedenkt man, dass zu Beginn seine Chancen auf ein Gewinnblatt bei lediglich 31% lagen. Ein Mitgehen beim Re-Raise hätte zu zwei Dingen geführt, die man, wenn man blufft, in der Tat vermeiden möchte. Wäre er nur mit gegangen, so hätte Brenes diese Handlung von Nguyen als unsicheres Signal sehen können; es hätte andeuten können, dass sein Blatt vielleicht nicht so stark sei, und wenn man bedenkt, dass Brenes ein Ass und eine 10 hielt, fühlte er sich für den Flop wahrscheinlich sehr sicher. Außerdem hätte der Flop das Blatt von Brenes höchstwahrscheinlich stärken können. Nguyen muss gewusst haben, dass Brenes ein starkes Blatt hielt, ansonsten hätte er nicht den Re-Raise gewagt. Dadurch wusste Nguyen, dass die einzige Möglichkeit eines erfolgreichen Bluffs darin bestand, Brenes von dem Flop zu vergraulen. Nun, für das bessere Verständnis muss man sich die Situation anschauen: Nguyen hatte deutlich mehr Chips als Brenes, wodurch für Brenes bei einem möglichen Re-Re-Raise sehr viel mehr auf dem Spiel stand.
Spieler überlegen fünf oder sechs Mal, bevor sie die Hälfte ihrer Chips gesetzt und den Flop überhaupt gesehen haben. Jeder Pokerspieler weiß, dass, egal wie stark das Blatt zu Beginn ist, ein Flop auch furchtbar schief gehen kann! Das bedeutet, dass viele Faktoren zugunsten des Bluffs von Nguyen beigetragen haben. Sobald Nguyen sein Blatt gespielt hatte, konnte er sich zurücklehnen und zusehen, wie Brenes sein zunächst starkes Blatt durch seine eigenen Zweifel verschlechterte und sich schließlich inmitten von Selbstzweifeln zum Aussteigen entschloss. Natürlich blieb die Größe dieses Bluffs nicht unbemerkt und Nguyen konnte es nicht lassen, sein Blatt zu zeigen.