Michael A. DeDonno, ein Doktorand an der Case Western Reserve University (Cleveland, Ohio), hat vor kurzem die Antwort gegeben auf eine der strittigsten Fragen der vergangenen Jahre: Ist Poker ein reines Glücksspiel oder geht es dabei um Können?
Diese Frage existiert schon so lange, wie es das Spiel gibt, doch in den letzten Jahren wurde sie immer wichtiger und hat vielleicht sogar weltweite Auswirkungen. Da die Gesetzgeber sich seit Kurzem nun mit Online-Glücksspiel und glücksspielbezogenen Aktivitäten beschäftigen, argumentieren viele Poker-Fans und Profis dahingehend, dass man Poker nicht einfach in die Schublade der "Glücksspiel" stecken sollte. Für das äußerst beliebte Spiel hat das nämlich weit reichende Konsequenzen: Spiele, die viel Strategie und Können voraussetzen, wie zum Beispiel Schach, werden nicht als Glücksspiele klassifiziert. Dadurch bricht man gegenwärtig auch keine Gesetze, wenn man bei einem solchen Spiel im Internet Geld setzt. Viele Experten, wie auch DeDonno selbst, sind der Meinung, dass Poker vielmehr als Spiel angesehen werden sollte, für das man Wissen, Können und Strategie braucht. Während andere mit ihrer starken Überzeugung auftrumpfen, legt DeDonno harte, wissenschaftliche Fakten vor.
Mit Studenten ihrer Universität haben Michael DeDonno und Douglas K. Detterman zwei von einander unabhängige Studien durchgeführt. In der ersten Studie spielten 41 Studenten eine Gesamtzahl von 200 Blätter Texas Hold'em-Poker. Jeder Student spielte dabei alleine gegen eine Computersimulation einer 10-Blatt-Partie. Alle Spieler erhielte die gleiche Reihenfolge von zufällig vom Computer ausgewählten Blättern, so dass man ihre Leistungen miteinander vergleichen konnte.
Die meisten Studenten hatten am Anfang der Studie nur wenig Erfahrung im Pokerspiel. Zur Hälfte des Experiments, nach den ersten 100 Blättern, mussten die Studenten das Spiel unterbrechen. Sie wurden per Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt: Die Studenten in der ersten Gruppe erhielten eine kurze Einführung in die Geschichte des Pokers, während die Studenten der zweiten Gruppe eine Liste mit Startblättern (2-Karten-Kombinationen), die nach ihrer Stärke bei einer typischen 10-Spieler-Hold'em-Partie geordnet waren. Ihnen wurde zudem erklärt, dass Profi-Spieler normalerweise nur 15% ihre Blätter spielen würden.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Studenten verbesserten ihr Spiel, nachdem sie einige grundlegenden Strategien vermittelt bekommen hatten. Sie waren auch besser als die Studenten, die lediglich etwas über die Geschichte des Pokers beigebracht bekommen hatten - und das, obwohl allen Studenten die gleichen Blätter ausgeteilt wurden.
Um die Resultate statistisch belegen zu können testeten DeDonno und Detterman nun die zweite Gruppe Studenten. Erneut wurden die Teilnehmer nach der Hälfte der Blätter in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Studenten in der ersten Gruppe bekamen eine Geschichtsstunde, während die Studenten der zweiten Gruppe einige grundlegende Strategien erklärt bekamen. Dieses Mal spielten jedoch alle Spieler insgesamt 720 Blätter. Obwohl sich im Laufe der Zeit durch die Praxis die Leistungen von beiden Gruppen verbesserten, schnitt die Gruppe mit "Wissen" insgesamt besser ab, wodurch bewiesen wurde, dass bei Poker tatsächlich mehr das Wissen und Können zählt als Glück.
Als Nebenprodukt der Untersuchung konnte wissenschaftlich bewiesen werden, dass das Spielen von weniger Blättern tatsächlich eine gute Pokerstrategie darstellt. Im Verlauf des Tests verringerten die Spieler mit "Wissen" die Anzahl ihrer gespielten Startblätter von 27% auf 15%. Darum waren sie besser als die Studenten in der anderen Gruppe, was wiederum die alte Pokerweisheit bestätigt: Schmeiße Starblätter weg, bei denen du dich nicht wohl fühlst.
Michael DeDonno beschreibt sich selbst als "an Poker interessiert", weshalb er sich zur Durchführung des Experimentes entschied. Er ist davon überzeugt, dass sich Pokerstrategien in vielen normalen Situationen des Lebens anwenden lassen, wenn nur wenige Informationen zur Verfügung stehen, zum Beispiel bei finanziellen Investitionen oder Immobiliengeschäften.
Falls ihr die englische Online-Version des Aufsatzes gegen Bezahlung lesen möchtet, könnt ihr dies hier tun.